Warum die Götter streiten

von Judith Voce (2001)

Am Anfang war Nichts.


Nur die schöne Lichte Göttin hing im damals noch leeren Weltenraum herum und langweilte sich zutiefst. IHR Name war CREA, die Schöpferin, aber was sollte sie erschaffen? Woraus sollte sie erschaffen? Nichts, aber auch gar nichts gab es, womit sich irgendetwas anfangen ließ!

Da kam der Dunkle Gott Ohne Namen vorbei, und weil auch ER nichts besseres zu tun hatte, verführte ER SIE. Der Dunkle Gott Ohne Namen nahm die schöne Lichte Göttin zum Weibe, und daraufhin gebar SIE rund sieben Milliarden Jahre später mit einem Donnern, das die Grundfesten des Universums erzittern ließ, die Materie.

CREA sah es. SIE war ganz entzückt!
Und so nahm SIE die Materie, experimentierte ein bißchen herum, erfand die freie Enthalpie und erschuf nebenbei die Sonne, den Mond, die Sterne und ein paar Planeten. Die Mutter der Welt fand Vergnügen an dem, was SIE tat, und so machte SIE immer weiter, brachte die Gestirne in die richtigen Konstellationen und legte die Milchstraße an, auf der SIE und ihr Gemahl glückselig auf und abwandelten.
Aber irgendwann in den unermeßlichen Zeitspannen des Universums war CREA auch das nicht mehr genug. SIE fühlte sich nicht ausgelastet damit, Supernoven zuzusehen und die Planeten in ihren Bahnen zu halten. IHREM Geiste schwebte etwas Lebendiges vor, und Ihrer Natur entsprechend hatte SIE eine Fülle von Ideen überfallen. O ja, eine Welt, in der es alles gab: Bäume und Sträucher, Ameisenhaufen, Sumpfungeheuer, Trolle und Orks, Zwerge, Riesen, Rosse, Rhinogradentier, Drachen und Donnerechsen, Würgepflanzen, Korallenriffe, Eintagsfliegen, Maulwurfshügel, ein paar Götter und vielleicht sogar Pantoffeltierchen ...

Dem Vater der Welt wurde das muntere Treiben allmählich zuviel. CREA hatte ja überhaupt keine Zeit mehr für IHN, so beschäftigt war SIE mit ihrem Projekt. Aus reinem Trotz, kann man sagen, führte der Dunkle Gott die Gegengröße der fortschreitenden Entropie ein und machte sich damit an die mutwillige Zerstörung ihrer Schöpfung.
Das aber erboste CREA dermaßen, daß SIE ihn zum ersten Male von sich stieß. Zornig und verzweifelt zischte der Dunkle Gott aus dem gemeinsamen Lager und erfand nun Dinge wie Waldbrände, Hungersnöte und Erdbeben, und ER säte Zwietracht in die Herzen der Geschöpfe. ER öffnete die Neun Höllen, zeugte Söhne wie NURGLE und KHORNE, erschuf Dämonen, Untote und andere Brut der Finsternis. Chaos trug er in CREAs schöne heile Welt, und CHAOS war fortan sein Name.

Im seitdem tobenden Ehekrieg zwischen CREA und CHAOS, so sagt man, liegt die Ursache für Werden und Vergehen im Universum begründet, dieser Ehekrieg bestimmt auch heute noch die Geschicke unserer Welt. Würde jemals CREA in Streik treten, so hätte CHAOS schlußendlich alles in Unordnung gebracht und nichts mehr zu tun. Würde CHAOS sein zerstörerisches Tun einstellen, so ginge CREA früher oder später das Material für ihre Neuschöpfungen aus, und das Universum bliebe stehen. CREA weiß das auch, und dafür liebt SIE heimlich den Dunklen Gott noch immer. (SIE schleppt ihn sogar zu ORDO in die Paartherapie, aber das ist kaum einem Sterblichen bekannt ...)


Aber eines nicht mehr allzufernen Tages, so behauptet die Legende, werden sich die beiden Urgötter völlig verkrachen, werden sie ihre Scheidungsanwälte aufeinanderhetzen und um das Sorgerecht von ... ja, von ALLEM kämpfen, was da ist, werden sie sich vor dem Großen Gericht wiedertreffen ... an diesem Tag, welcher viele Namen hat (einer davon lautet: letzter Tag), werden sich nicht nur die Götter vor Gericht wiedersehen, sondern mit ihnen auch die Sterblichen. In einer ebenso finalen wie infernalischen Schlacht werden sie gegeneinander antreten, und keiner weiß, was am Ende noch übrigbleibt und wie (bzw. ob) die Welt danach aussehen wird ...